Aktuelle Reise 2019/III - Beginn unten auf dieser Seite

 

Genau einen Monat haben wir das Baltikum bereist und sind am 6. August wieder in Polen angekommen, diesmal im Norden. Über die nummerierten Orte gibt es ausführlichere Berichte, weil sie mir - aus welchem Grund auch immer - bemerkenswert erscheinen.

 

NORDPOLEN: 30| Goldap - Suwalki(Suwalken) - Mikolajki (Nikolaiken) - 31| Ruska Wies bei Mragowo  

                        (Sensburg) - Kudyby (Kuhdiebs) bei Morag (Mohrungen) 32| Elblag (Elbing)

                         Malbork (Marienburg) - 33| Gdansk (Danzig) - 34| Puck (Putzig) - Leba - Zelazo

                                   35| Darlowo (Rügenwalde)


35|Darlowo (Rügenwalde)

Wir entscheiden uns für den Camper Park in Koban, einem kleinen Nest ungefähr 5 km von Darlowo entfernt. Hier gibt es sogar einen SKLEP (Tante-Emma-Laden) und eine kleine Bar mit 2 oder 3 einfachen Holztischen und Bänken vorm Haus. Ruhig geht es zu im Ort, und auf dem Platz blicken wir über Felder und Strom-Windmühlen Hinweg auf die Ostsee. Die Sanitäranlagen sollen sehr einfach sein, aber wir haben ja unsere eigenen.

 

Das Meer ist zwar nur ca. 500 m entfernt, auch der Koban-See liegt nah, trotzdem sollte man nicht versuchen zu Fuß an den Strand zu gelangen, es sind über 2 km. Mit dem Fahrrad kein Problem.  Sowieso ist der Camper Park ein guter Ausgangspunkt für Fahrradtouren. Auf einem etwas holprigen Weg entlang der Ostsee, zu den Badeorten  Darlowko (Rügenwalde Münde) oder Wiecie am östlichen Ufer des Hoban-Sees oder in die Stadt Darlowo.

 

Anklicken zum Vergrößern

 

Die Kleinstadt Darlowo wirbt auf ihrer Webseite auch auf Deutsch, mit Rügenwälder Teewurst! Sie ist auf jeden Fall einen Abstecher wert und gut mit dem Fahrrad zu erreichen. Wir finden schnell heraus, dass das Residenzschloss der Herzöge besonders gut von der Terrasse der Pizzeria Pinocchio aus zu sehen ist, und neben dem Kulturgenuss füllt sich der Magen mit Pizza und Bier, gut und preiswert wie so oft in Polen. Die Speisekarte gibt es auch auf Deutsch.

 

Mit dem Bau des Schlosses wurde Mitte des 14. Jahrhunderts begonnen. Besitzer war der 1459 verstorbene pommersche Herzog und König von Dänemark Erich VII, er wurde in den noblen Gemächern geboren und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens darin. Im 17. Jahrhundert brannte es ab, wurde wieder aufgebaut und gleichzeitig modernisiert und überstand den 2. Weltkrieg so gut wie unbeschadet. Seit vielen Jahrzehnten beherbergt es das pommersche Regionalmuseum. 

 

Anklicken zum Vergrößern

 

Rügenwalde hatte Glück im Unglück und wurde im letzten Krieg relativ wenig zerstört. Der Unterschied zum vergleichbar großen Morag (Mohrungen) in Masuren ist auffällig. Dort wurden fast alle Häuser zerstört und mussten von den neu zugezogenen polnischen Bewohnern schnell neu gebaut werden. Heute fehlen offensichtlich die Mittel um diese jetzt wieder veralteten und baufälligen Häuser instandzuhalten oder abzureißen, zu renovieren und zu modernisieren. 


In Darlowo hingegen sind nicht nur der Rynek mit dem Rathaus und der dahinter liegenden Marienkirche und das Schloss schmuck anzuschauen, auch die Fussgängezone und kleine Nebenstraßen laden ein mit einem regem Geschäftsleben. 

Zelazo

Auf den Reiterhof Gaza Pod Lasem in Zelazo am Rand des Naturparks Slowinski wollen wir nach dem Trubel in Leba der Ruhe wegen. Wir fahren durch wunderschöne Alleen, deren Straßenbelag immer schlechter wird und auf den letzten 800 m ganz aufhört. Ein von Bäumen und Büschen umschlossener Sandweg führt auf den Hof, Zweige streichen seitlich und oben an Maggies Wänden entlang und hinterlassen glücklicherweise keine Kratzer. Auf dem Hof ist es tatsächlich ruhig, und Pferde gibt es auch. Über das, was mir die Betreiberin als Sanitärgebäude vorstellt, schweige ich lieber. Ein Witz, wenn es nicht so rostig wäre. Für uns egal, wir haben ja unsere eigene Dusche, und in dieser Abgeschiedenheit wollen wir nichts außer grillen auf unseren 90. Reisetag anstoßen. 

 

Anklicken zum Vergrößern

Leba

Schwamm über den Ort Leba. Zumindest während der Hochsaison, wenn er von Touristen überquillt, es eng, laut und kreischend bunt ist.

Wir bleiben nur wegen der berühmten Wanderdüne Lacka Gora (Lontzkedüne)  eine Nacht auf dem Camping Morski 21. Der Platz ist  voll, gut organisiert und wird mit hohem Personalaufwand stark kontrolliert. Sie werden ihre Gründe haben. Den Waschmaschinenraum darf ich nur nach Bezahlung betreten und zusammen mit einer Angestellten, die mir eine Uhrzeit mitgibt, wann ich die trockene (!) Wäsche wieder abholen soll. Hat geklappt.

 

Mit dem Fahrrad sind es zur Düne etwas über 7 km auf einem guten Weg durch den Wald. Außer zu Fuß kann man auch mit einem viel gebuchten Shuttle-Service fahren. Wie auch immer man an ihren Fuß gelangt, der Aufstieg durch den tiefen Sand auf die Düne lohnt sich allemal und wird belohnt mit einem wüstengleichen Anblick. Die Düne soll sich bis zu 10 m im Jahr in Richtung Osten bewegen und begräbt unter sich alles, was sich ihr in den Weg stellt. Ein ganzes Dorf ist ihr schon zum Opfer gefallen, und auf abgestorbenen Wurzeln ragt manches Baumskelett aus dem Sand. Aus superfeinem weißen Sand, der so unschuldig an spielende Kinder erinnert.

 

Anklicken zum Vergrößern

34| Puck (Putzig)

 

Eine Lanze brechen für Puck! Allein dieser Name, und dann wie wir hinfanden. Eigentlich hatten wir Wladyslawowo (Großendorf) als nächstes Ziel ausgesucht, aber genauso wie beim Hineinfahren in Danzig haben wir enorme Schwierigkeiten wieder herauszukommen - und geben mal wieder den Baustellen die Schuld. Bis Gabriel entnervt rechts ranfährt, versehentlich vor eine private Auffahrt. Prompt kommt ein drahtiger Mann mit nacktem Oberkörper heraus und klopft energisch an mein Fenster. Ich fürchte Schlimmes, aber was will er? Uns helfen! Ob wir ein Problem haben, er selbst sei Lastwagenfahrer. Alles auf polnisch, aber trotzdem für uns verständlich. Als er das spanische Nummernschild sieht, hat Maggie sein Herz gewonnen. "Viva España" ruft er lachend aus und erzählt, dass er schon viele Fahrten nach Andalusien gemacht hat.

 

Bald kommt sein erwachsener Sohn dazu und erklärt uns auf englisch, dass sein Vater jetzt eine Tour hat und für uns den Piloten macht, bis wir auf der richtigen Straße sind. So kommt es, dass wir einer Fuhre Gurken hinterherfahren, bis wir aus der Stadt heraus und auf dem richtigen Weg sind. Leider kann ich die Flasche Rotwein nicht überreichen, unser netter Wegweiser winkt lachend und fährt rechts ab. Und wir nach Puck, und das auch nur, weil mir auf der Karte der Name aufgefallen ist und der Ort noch vor Wladyslawowo liegt. Wir haben Glück mit einem entspannten  Urlaubsort ohne viel Remmidemmi mit kleinem Hafen, Strand und Häusern aller Preisklassen, die Zimmer oder Apartments vermieten. Übernachten können wir auf einem Parkplatz am Sportzentrum, es gibt aber auch einen kleinen Campingplatz.

 

 

Mit dem Rad fahren wir auf einem schönen Weg doch noch die ungefähr 10 km nach Wladyslawowo, um von dort auf die Halbinsel Hela (Putziger Nehrung) zu gelangen. Wir  wollen nach Chalupy, halten aber nur etwa 5 km durch, dann haben wir die Schnauze. Wir sind entnervt zwischen pfeifendem Zug und Autostau links, wuseligem Getümmel auf dem gemischten Fußgänger- und Fahrradweg, den Campingplätzen rechts, auf denen man kein Grün zwischen den Zelten und Wohnwagen ausmachen kann und mit überquellenden Souvenirständen in den Einfahrten. Alles ist zu eng und zu voll und wir wollen nur noch möglichst heil zurück in unser kleines putziges Puck. Dort drehen wir noch eine Runde auf dem großen Rynek (Marktplatz), die Terrassen der Restaurants sind gut belegt. Und verbringen eine ruhige Nacht zwischen Sportplatz und Kindergarten, bis uns am Morgen um acht der Straßenkehrwagen weckt.

 

Anklicken zum Vergrößern

33| Gdansk (Danzig)

Nach dem Besuch der Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallinn, die jede einen anderen Reiz hat, ist Danzig für mich ein Traum fürs Auge! Ich könnte jedes einzelne Haus der Altstadt fotografieren, kann mich nicht sattsehen an Fassadenmalerei, Giebeln mit reicher Stuckverzierung und Reliefs in Himmelhöhe. Aber zuerst müssen wir unseren Stellplatz in der Technischen Hochschule finden, was wegen mehrerer Baustellen schwierig bis unmöglich ist. Immerhin kann ich so von der Höhe meines Womo-Beifahrersitzes aus den schönen Bahnhof fotografieren

 

Nachdem wir mehrfach durchs Zentrum gekurvt sind, entscheiden wir uns für Plan B, den Campingplatz ein paar Kilometer außerhalb. Ziemlich voll und ziemlich eng, aber gut organisiert mit hilfsbereitem älterem Betreiberpaar, und nah sowohl zum breiten Strand als auch zur Bushaltestelle in die Stadt.

 

 

Im Gegensatz zu Elblag wurden die meist schmalen Giebelhäuser in Gdansk minutiös nach alten Plänen wiederaufgebaut und tragen sogar zum Teil die ehemals deutschen  Aufschriften. "Fischhandel" steht in großen Buchstaben auf einem gelben Haus am Hafen. Der Blick nach oben lohnt sich, jedenfalls für gesunde Halswirbelsäulen, weil gerade der Giebelschmuck oft prall und üppig ist.

 

Anklicken zum Vergrößern

 

Am Hafen flanieren wir auf der alten, restaurierten Seite mit ihren Souvenirbuden und fliegenden Bernsteinverkäufern und haben von dort einen guten Blick aufs andere Ufer, wo eine moderne Architektur Fuß gefasst hat. Sie hebt sich ab von alten Baumaterialien und Detailverliebtheit und passt sich an in Form und Größe.  Für mich sehr gelungen.

 

Ein Bernsteinmitbringsel als Geburtstagsgeschenk kaufen wir nach Abklappern wohl aller Juweliere und vielen Vergleichen in der ul. (Straße) Mariacka, in der auf beiden Seiten mit nichts anderem gehandelt wird. Ich frage den Inhaber nach einem Restaurant wenigstens ein ganz klein wenig außerhalb des dicksten Touristenstroms und er empfiehlt uns das Restaurant Gdanska am Zeughaus. Ein Klassiker mit überbordender alter Dekoration, in dem schon Lech Walesa als President gern speiste. Dementsprechend hochkarätig sind die fotografierten Gäste an der Wand, und die Speisekarte preist seine Lieblingsgerichte an. Für polnische Verhältnisse hochpreisig, aber für Gäste aus Deutschland oder Mallorca sind der erstklassige Service und die hervorragende Küche alles andere als teuer. Wir haben es genossen!

Malbork (Marienburg)

Die im 13. und 14. Jahrhundert vom Deutschorden erbaute Marienburg gab und gibt ihren Namen dem Ort, der durch sie entstanden ist und wohl zum Teil von ihr lebt. Sie gilt als der größte Bau aus der Zeit der Backsteingotik und dominiert mit Wucht das Ufer gegenüber vom Campingplatz.

 

 

Für die Besichtigung der Burg mit Ausstellungsräumen und Bibliothek werden auf der Webseite drei Stunden als Richtwert angegeben. Ich gebe zu, wir begnügten uns mit einem Rundgang durch die Außenanlagen, und der hat schon über eine Stunde gedauert und war beeindruckend genug. Für uns war die Schlange an der Kasse zu lang, das Getümmel auf den Gängen zu viel und das Interesse am Innenleben der Burg zu gering. 

 

Anklicken zum Vergrößern

 

Hinzu kommt der Frust darüber, dass das Restaurant Lancelot, in dem wir essen wollten, wegen einer privaten Feier fürs gewöhnliche Volk geschlossen hat. Mit knurrendem Magen suchen wir das Bistro Na Fali über dem Campingplatz auf und sind positiv überrascht von der Küche dort. Und sie scheint in der Umgebung zu sein, dann die große Terrasse mit Spielplatz für Kinder füllt sich am Sonntagmittag rasch mit polnischen Familien. Im Gegensatz zur Webseite ist die Speisekarte auch auf Englisch. Wir teilten uns Carpaccio von Roter Beete, danach gab es als Hauptspeise Confit von Entenbrust und Hirschbällchen. Hier kann man gut und preiswert essen.

 

Anklicken zum Vergrößern

32| Elblag (Elbing)

Nach soviel Natur ist uns mal wieder nach Stadt und wir machen Halt in Elblag. Am gleichnamigen Fluss liegt der Camping Nr. 61, von hier aus sind es nur wenige hundert Meter zur wieder aufgebauten Altstadt. Wir haben Glück und können uns einen guten Platz mit Blick auf den Fluss aussuchen, nach unserer Ankunft  füllt es sich mächtig in den 2 Tagen unseres Aufenthaltes. 

Fußgängerbrücke, die sich zur Durchfahrt größerer Schiffe teilt und zu beiden Seiten hebt
Fußgängerbrücke, die sich zur Durchfahrt größerer Schiffe teilt und zu beiden Seiten hebt

 

Nur ein paar hundert Meter sind es in die Innenstadt, vorbei am Archäologisch-Historischen Museum. Von außen ein relativ unscheinbarer weiß gestrichener Bau, an den sich ein großer Innenhof und daran ein zweites Gebäude anschließt. Leider stehe ich eine halbe Stunde vor Schließung in der Tür und es lohnt sich nicht mehr einzutreten.  Was ich beim nächsten Besuch ganz bestimmt nachholen werde, weil andere Besucher mir begeistert von der Multimedia-Präsentation im Inneren erzählen, die auch die Schicksale deutscher Familien aus dem ehemaligen Elbing einschließt.

Kurz hinter dem Museum biegen wir um die Ecke und sind auch schon in der restaurierten Altstadt. Von fast jedem Punkt ist der Turm der Nikolaikirche zu sehen, schlank und spitz und 366 (!) Treppenstufen hoch bis zur Aussichtsplattform.

 

Wir ziehen einen Rundgang zu ebener Erde vor und erfreuen uns am Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Häuser. Obwohl oder vielleicht gerade weil den meisten Gebäuden anzusehen ist, dass sie keine haargenauen Nachbildungen sind, formen sie ein in sich stimmiges Bild, sind hell und modern in alten Formen.

 

Anklicken zum Vergrößern

 

Bei der städtischen Kunstförderung haben Skulpturen seit Jahrzehnten einen besonderen Stellenwert. Ich folge einigen auf ihrem Weg durch Stadt, bei denen augenscheinlich nur das Material Metall die Vorgabe war. Nicht nur Kunstkenner werden mein eingeschmuggeltes Objekt erkennen ...

 

Zum Schluss drei langgezogene Ansichten, die uns beim Stadtbummel auf unterschiedliche Art beeindrucken:

 

1. Blick vom Innenhof der Galerie El auf Ruinen und ein brachliegendes Nebengebäude. Die Galerie ist in einer ehemaligen Kirche untergebracht und zeigt moderne polnische Kunst, ohne dass das historische Gewölbe mit seinen alten religiösen Reliefs an visueller Macht verliert. Ein tolles Wechselspiel. Lichte Metalltreppen oder wahlweise ein Aufzug führen auf die drei Ausstellungsflächen, die nur einen kleinen Teil der Grundfläche in Anspruch nehmen. 

 

2. Friedlicher Aufmarsch des Militärs am katholischen Feiertag (Mariä Himmelfahrt) mit Präsentation verschiedener Waffensysteme. Junge Männer und auch Kinder posieren mit großen Gewehren und finsterem Blick vor den Kameras ihrer Freundinnen und Mütter. Ein sonderbares Bild am sonnigen Nachmittag.

 

3. Mut zu Form und Farbe bei der Fassadengestaltung.

Kudyby (Kuhdiebs) bei Morag (Mohrungen) 

Meine familiären Wurzeln liegen mütterlicherseits in Ostpreußen, heute Kaliningrad. Vielleicht werden wir in einem anderen Jahr auch dorthin fahren, weil es seit dem 1. Juli d.J. eine sehr vereinfachte Möglichkeit für ein Visum für den Besuch dort gibt. Man kann das Visum bis spätestens 4 Tage vor Grenzüberquerung im Internet beantragen für höchstens 8 Tage Aufenthalt ausschließlich in der Region (Oblast) Kaliningrad, und das sogar kostenlos. Jetzt kommt diese digitale Möglichkeit für uns zu spät, weil unsere Krankenversicherung nur für die Länder der EU gilt und wir auch sonst nicht darauf vorbereitet sind. 

 

Den väterlichen Spuren kann ich in Polen folgen und wollte auch zum Geburtsort Kulsen (Kulsze) meines Vaters fahren. Leider kam ich Trottel zu spät auf die Idee nachzuschauen, wo genau dieses Dorf liegt. Nur ca. 25 km von Goldap entfernt, aber da waren wir schon längst nicht mehr dort. Eine echte Anna-Glanzleistung, zumal ich Wochen vorher bei einer Cousine nach dem polnischen Ortsnamen gefragt hatte.  Andererseits auch nicht weiter schlimm, ich habe ja die Atmosphäre der Landschaft geschnuppert. Und ein Video von einen EU-Aufseher über eine Fahrt u.a. vorbei an Kulsen gesehen. Wen es interessiert, nach 6 Minuten kommt das Ortsschild und man sieht, dass die Häuser zum Teil renoviert sind.

 

Ein anderer Wohnort der Familie meines Vaters war Kuhdiebs (was für ein klasse Name für ein Bauerndorf!) unweit der Kreisstadt Mohrungen, heute Kudyby und Morag. Sowohl das Navi als auch Google Maps zeigen ausschließlich ein Kudyby in der Nähe von Olsztyn (Allenstein) an, aber keines Nähe Morag. Wir sind trotzdem hingefahren, auf einen Parkplatz am Ende von Morag, und plötzlich kannte Google Maps auch dieses kleine Dorf.

Hier der Beweis, das Kuhdiebs/Kudyby existiert:

 

 

Auch Morag wurde im Krieg weitgehend zerstört. Wenn ich heute durch diese kleinen Dörfer oder Städte in Polen gehe, muss ich manchmal daran denken, dass nicht nur die deutsche Zivilbevölkerung floh oder nach Kriegsende vertrieben wurde, sondern auch die Polen sich nicht alle aus freien Stücken hier angesiedelt haben. Auch sie waren Entwurzelte in vollkommen zerstörten Orten ohne jegliche Infrastruktur. Das alte Rathaus in Morag wurde mit Hilfe deutscher Flüchtlinge aus Mohrungen wieder aufgebaut, auch der alte Wasserturm ist renoviert und beherbergt zur Zeit eine Eisdiele. Fast alle anderen Gebäude sind nach dem Krieg oder erst nach der Wende entstanden.

 

Die 8 bis 9 km nach Kudyby fahren wir mit dem Rad, erst auf gemischten Rad-Fußgängerwegen durch die kleine Stadt, in der wir staunen über Rossmann und Mediamarkt, danach durch eine wunderschöne Allee, die sich einige Kilometer lang zieht und gut asphaltiert ist. Wir kommen vorbei an neuen Einfamilienhäusern und größeren Villen und finden am Ende nur noch wenige Gebäude im Dorf vor.  Jetzt habe ich eine Vorstellung davon, wie mein Vater und seine Geschwister den Schulweg zum Gymnasium in Mohrungen bewältigt haben bei Wind und Wetter, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. 

 

Anklicken zum Vergrößern

so viele Störche verabschieden uns, wie schön
so viele Störche verabschieden uns, wie schön

31| Ruska Wies bei Mragowo (Sensburg)

PARADISE NOW ZUM DRITTEN 

So langsam fange ich an es zu begreifen. Das Paradies kann überall sein. Vor allem ist es heute! Die Welt war nicht gestern am schönsten und wird auch morgen nicht schöner sein. Zuerst fanden wir das Paradies in Dänemark, danach in 20| Litauen und jetzt liege es in der Nähe von Mragowo. In einem dieser kleinen Dörfer ohne Zentrum, ohne Bar oder Einkaufsladen, ohne Kirche oder gar Marktplatz. Ein Kaff, in dem alle Straßen den Ortsnamen tragen, dem die Hausnummern folgen. Ein großer Bauernhof, ein Agrotourismus-Hotel, ein paar neue Häuser und ein paar verfallende. 

 

Für uns, die wir gesund sind und zur Zeit frei von wirklichen Problemen, müssen für das Paradies nur wenige Dinge zusammenkommen. Das scheint die Natur zu sein, Ruhe, Langsamkeit, Nichtstun oder die Erledigung alltäglicher Dinge wie  Wäschetrocknen in der Sonne oder Basteleien am Wohnmobil.  Mragowo haben wir genauso wenig kennengelernt wie Mikolajki, weil wir uns in den zwei Tagen auf unserem Platz in Ruska Wies bei der Pension Seeblick nicht vom Fleck gerührt haben. Zumindest nicht an Land. 

 

Diesen Campingplatz finden wir perfekt. Das Gelände ist so groß, dass sich jeder hinstellen kann wo er will und wie sie will. Von der Pension ziehen sich Terrassen zum See hinunter, auf denen mehr als genügend Stationen die Camper mit Strom und Wasser versorgen. Hier hat jeder seinen persönlichen nSeeblick und kann sich unbesorgt ausbreiten. Wer will, kann eines der kleinen Boote losmachen und in See stechen, gratis und auf eigene Verantwortung.

 

Anklicken zum Vergrößern

 

Das Gelände ist so groß, dass man darauf einen Spaziergang machen kann, mit einem Hügel für den großen Rundblick. Auf dem Spielplatz finden wir einen Ball und spielen allen Ernstes Fußball, das heißt ich laufe dem Ball hinterher. Der See hat auch eine kleine Badestelle, bei der sich niemand um den Nachweis der Wasserqualität schert wie an den anderen Seen auch. 

 

Zwischen uns und dem See liegt ein kleiner Teich, von dem aus die Frösche uns hüpfend und quakend begrüßen. Nachdem wir ihnen wohl eine Stunde beim Quaken zugehört haben, bilden wir uns ein ihre Stimmen unterscheiden zu können. Fehlt bloß noch, dass wir sie nachahmen ;-))

 

Anklicken zum Vergrößern

Mikolajki (Nikolaiken)

Unser Besuch in Mikolajk oder besser unser Nicht-Besuch dort zeigt, dass Spontaneität auf Wohnmobil-Reisen  immer noch möglich sein kann. Liebe Menschen hatten uns einen Stellplatz mitten im Ort empfohlen, auf dem andere freundliche Menschen sogar für uns auseinander rücken wollen, damit Maggie sich noch dazwischen quetschen kann. Nur ist uns schon auf dem Weg dorthin der Trubel auf den Straßen auf den Geist gegangen, weshalb wir uns ebenso freundlich bedanken und wenige Kilometer weiterfahren nach Talty (Talten) zu einem 4-Sterne-Camping.

 

An diesem Samstag haben wir sogar das Glück eines freien Platzes, zu dem die freundliche Betreiberin mich führt. Nur muss Maggie dafür einen schmalen und kurvenreichen Weg hinaufschleichen, vorbei am prallen Campingleben. Es tut mir leid um die Bequemlichkeit, ein Restaurant am Platz zu haben, aber Gabriel ist schon ein Grundstück weiter und stellt Maggie ab auf einem grünen Feld mit Zelt-Nachbarn in weiter Ferne. 


Irgendwo habe ich kürzlich gelesen, dass in Masuren dieser Tage jeder, der über ein großes Grundstück verfügt, dieses zum Campingplatz erklärt und sich so einen Nebenverdienst erhofft. Unsere Wahl scheint so ein Fall zu sein, aber wir sind hier glücklich und zufrieden und schauen ohne Neid auf das muntere Treiben hinterm Zaun auf dem "richtigen" Campingplatz. 

unsere spontane Wahl, für eine Nacht völlig okay, liegt direkt hinter dem großen Campingplatz in Talty. Der Betreiber spricht deutsch
unsere spontane Wahl, für eine Nacht völlig okay, liegt direkt hinter dem großen Campingplatz in Talty. Der Betreiber spricht deutsch

 

Deshalb haben wir anstatt Mikolajki das Dörfchen Talty kennengelernt mit seinem Minihafen am See, der kleinen Kapelle am Ufer und einem Gedenkstein für die Deutschen Soldaten aus dem Ort, die im 1. Weltkrieg gefallen sind. Gesponsert von einem Polen!!!

 

Anklicken zum Vergrößern

SUWALKI (SUWALKEN)

In Suwalki übernachten wir auf einem Campingplatz, der eher einem Wohnmobilstellplatz gleicht, mit sehr großen Parzellen, allem Komfort und nah an der Stadt. Für deren Besuch muss man nur ein bisschen um den See herum gehen, wie in fast jeder Stadt Masurens. Schon jetzt frage ich nicht mehr nach den Namen der Gewässer, an denen sich Kleinstädte und Dörfer vor vielen hundert Jahren angesiedelt haben. Ich finde es einfach nur schön, und Gabriel aus dem trockenen Spanien kommt aus dem Staunen über diesen Reichtum an Wasser nicht mehr heraus.

 

Viele der Seen wie der in Suwalki verfügen über einen natürlichen oder auch künstlich angelegten kleinen Strand, an dem wir die schlichten und praktischen Umkleidekabinen wiederfinden, die wir an den Ostseestränden der baltischen Staaten kennengelernt haben. Meist sind sie aus Holz gezimmert, manchmal die Wände in Kunststoff gegossen oder aus Metall verschweisst. Der Grundriss ist immer derselbe mit offenem Eingang, danach geht es einmal um die Ecke, und schon kann man sich geschützt vor Blicken umziehen. Unten gucken die Füße raus und oben je nach Körpergröße die Köpfe, so wissen die Leute draußen, dass besetzt ist. 

 

In Suwalki suchen wir ein Lebensmittelgeschäft und müssen ganz schön tippeln, bis wir eines finden. Wir sehen nichts Spektakuläres, aber ein angenehm lässiges Treiben in den Straßen der Innenstadt. Einige Nebenstraßen sind Fußgängerzone, hier haben sich etliche Restaurants installiert, die mit blumengeschmückten Terrassen locken. 

 

Anklicken zum Vergrößern

30| Goldap

 Die Kleinstadt Goldap hat rein gar nichts mit dem Edelmetall zu tun, sondern ihren Namen von dem Fluss Goldapa erhalten. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gegründet, konnten die Einwohner auch gar nicht zu viel Gold kommen, weil sie in regelmäßigen Abständen durch heftige Feuersbrünste Haus und Hof verloren und im 18. Jahrhundert sowieso von der Pest fast ausgerottet wurden. Den Gipfel der Zerstörung erlebte Goldap am Ende des Zweiten Weltkrieges, als nach wochenlangen Kämpfen zwischen Deutschen und Russen 90 % der Stadt in Schutt und Asche lagen. 

Die Grenze zur Oblast Kaliningrad, dem ehemaligen Ostpreußen, zieht sich nur wenige Kilometer entfernt durch den Wald..

 

 

Und so fahren wir heute durch den in Jahrhunderten gebeutelten Ort und finden außer dem restaurierten alten Wasserturm und den Kirchen kein historisches Gebäude mehr vor. Die Innenstadt um den großen Rynek Miejski (Markplatz) herum ist nicht höher als maximal zweigeschossig, modern und lebendig mit vielen Geschäften, Grünanlage und Springbrunnen.

 

Dieser Wasserturm zeigt auf jedem Stockwerk eine kleine Themenausstellung, beherbergt in den beiden obersten Stockwerken ein Café und verfügt vor allem über einen Fahrstuhl. Ohne den hätte ich mich verweigert, mir saßen noch die Treppen der Düne auf der Kurischen Nehrung in den Knochen. 

 

 

 

 

 

 

 

                Von oben gibt es einen tollen Rumdumblick - Anklicken zum Vergrößern

 

In den vergangenen Jahren haben wir sie tunlichst gemieden, aber auf dieser Reise werden wir noch zu Campingplatz-Experten. Der Platz in Goldap liegt an einem kleinen See in einer Art Naherholungsgebiet mit vielen Sportmöglichkeiten, einem 4-Sterne-Hotel und Trimmdichpfad am Straßenrand. An dieser Verbindungsstraße zur Stadt stehen einige imposante Villen hinter noch imposanteren Balustraden

 

Und er bietet uns ein wunderbar anschauliche Studien über Gruppenverhalten, hier Generationen übergreifend. Nach einem schönen Sonnentag mit Baden im See gibt es ein kurzes Gewitter mit Regenboden, danach liegt wieder Ruhe über dem Platz. Bis weißhaarige Paar in schwarzer Ledermontur auf seinem Motorrad herangeknattert kommt. So eines, auf dem der  Mann breitbeinig sitzt und sie dahinter, und bei dem auch die Lenkstange nur mit weit ausgebreiteten Armen bedient werden kann. Wo kein Chrom glitzert, da glänzt es rot. Routiniert bauen sie ihr Zelt auf, und niemand würde ihnen dabei zusehen, wenn er nicht den Motor noch volle Pulle laufen lassen würde, damit sie im Scheinwerferlicht das Zeltinnere herrichten kann. Gefühlte 10 Minuten lang. 

 

Anklicken zum Vergrößern

 

Im ersten Dämmerlicht dann folgt der Einzug von 4 oder 5 jungen Männern, so um die 18. Sie schmeißen ihre Rucksäcke ins Gras und packen drei Zelte aus. Die sind so exakt gefaltet, dass sie neu sein müssen. Sind sie auch, und die Jungs ganz offensichtlich neu im Zelten. Einer studiert ein DIN-A-4-Blatt, das muss die Gebrauchsanweisung sein, schüttelt den Kopf und faltet es wieder zusammen. Ein anderer klappert mit Metallstangen, schafft es aber nicht, sie ineinander zu stecken. Der Dritte entblättert mit kühnem Schwung ein Zelt, bis es wie eine Plastikplane auf dem Boden liegt, und betrachtet es nachdenklich von oben. Alle haben sie zwischendrin die Hände in den Hosentaschen.

 

Der Letzte ist wohl der cleverste, denn er guckt sich kurz um, zieht die Hände aus den Taschen und wendet sich an einen der zahlreichen Zuschauer, wohl doppelt so alt wie er. Der zögert nicht und hat in fünf Minuten zusammen mit seinem Kumpel das erste Zelt aufgebaut. Jetzt kommt das Motorradpaar dazu, die die Großeltern der Jungen sein könnten, baut das zweite auf und hilft auch noch beim dritten. So haben die jungen Leute ohne viel eigenen Aufwand ein Dach über Kopf, bevor der nächtliche Prasselregen beginnt, der bis zum Vormittag andauern wird. Und die Alten das beruhigende Gefühl noch gebraucht zu werden. 

 

Wir werden nie erfahren, ob diese erste Zeltnacht die Jungs abgeschreckt oder abgehärtet hat.